In der aktuelle Podcastfolge widme ich mich der häufig zum Schulanfang gestellten Frage:
Sollte ich der neuen Lehrkraft meines Kindes direkt von der Neurodivergenz erzählen oder lieber erstmal abwarten?
Hinter dieser Frage verbirgt sich natürlich die Sorge von Eltern, dass das Kind auf diese Weise womöglich vorschnell in einer Schublade landet oder bei der Lehrkraft direkt einen Stempel bekommt. Oder dass auch die Eltern direkt als anstrengend und überbesorgt wahrgenommen werden. Komplett unbegründet ist diese Angst sicherlich nicht, denn ja, noch nicht alle Lehrkräfte lassen sich offen auf Neurodivergenz ein. Aber, und das sei auch gleich gesagt, es gibt viel, viel mehr Lehrkräfte, die dankbar für diese Informationen sind und ihnen aufgeschlossen begegnen.
Was solltet ihr als Elternteil oder als Eltern also tun? Vorweg: Wir können nicht beeinflussen oder gar kontrollieren, wie eine Lehrkraft mit derlei Informationen umgeht. Aber wir können durchaus die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass ein offener Austausch zustande kommt.
Ihr habt bereits eine Diagnose oder eine klare Verdachstdiagnose durch eine Fachstelle?
Dann würde ich das zeitnah kommunizieren. Manchmal macht das bereits vor dem Schulstart Sinn oder ist sogar notwendig, weil vielleicht Unterstützungsmaßnahmen wie eine Schulbegleitung in die Wege geleitet oder Medikamente besprochen werden sollen. Wenn es aber „nur“ um die reine Info geht „Hey unser Kind hat ADHS“, dann kann ich schauen, ob ich, wenn das möglich ist, vor dem Start kurz Kontakt aufnehme oder sonst eben direkt in den ersten Wochen.
Ein möglicher Austausch könnte so aussehen, dass ihr um ein Gespräch bittet und da einfach schon ganz direkt benennt um was es geht:
„Liebe Lehrkraft, erst einmal danke für die schönen ersten Schulwochen. Wir haben den Eindruck, dass unser Kind mit jedem Tag besser ankommt (oder hier eine andere positive Kleinigkeit, sei sie auch noch so klein einleitend einfügen). Gerne würden wir uns gerne zeitnah kurz mit ihnen bezüglich der ADHS-Diagnose unseres Kindes austauschen…“
So baut ihr ein zartes positives Band, benennen gleichzeitig schon, worum es geht. Dann ist auch der Druck von „wie sage ich es denn am besten“ raus. Gleichzeitig gibt es der Lehrkraft Transparenz, worum es im Gespräch gehen sollen. So kann sie sich vorbereiten. Außerdem fällt dann beim konkreten Gespräch (Telefon oder persönlich) der Einstieg leichter:
„Wir hatten ja schon geschrieben, dass es um die ADHS-Diagnose geht.“
Dann könnt ihr kurz die Eckdaten nennen. Seit wann besteht die Diagnose, wie seid ihr derzeit aufgestellt, wie war euer bisheriger Weg, was sind die 1-2 deutlichsten Kernmerkmale bei eurem Kind.
Dann ist es wertvoll die Lehrkraft mit einzubeziehen:
„Wie ist denn ihr Eindruck bisher?“
„Wünschen Sie sich direkt Impulse und Hinweise oder möchten Sie selbst erst einmal in Ruhe beobachten und einen eigenen Weg finden?“
Und da würde ich dann auch Raum geben. Erstmal wichtigste Infos weitergeben, wenn gewünscht, auch ein paar Ideen und Anregungen. Und dann erstmal Platz machen für das Kennenlernen seitens der Lehrkraft und ihre eigene Perspektive. Es bietet sich an, abschließend dann zu signalisieren:
„Wir sind gespannt, wie sie unser Kind in den nächsten Wochen erleben. Wenn Sie Austausch wünschen oder Fragen haben, können Sie sich jederzeit bei uns melden. Wir freuen uns auf die Zusammenarbeit.“
Wie sieht es aus, wenn ich als Elternteil oder wir als Eltern bisher nur für uns so einen Verdacht haben, aber noch keine Diagnose?
Dann würde ich der Lehrkraft eher erstmal Kennenlernzeit und Beobachtungszeit geben und dann vielleicht auch zum ersten Lernentwicklungsgespräch mal das Thema aufbringen. Da hier viele Eltern Angst vorm Kleinreden und Abwinken haben, rate ich dazu, genau dieses Gefühl einfach zu kommunizieren, wenn im Gespräch dann dieser Part kommt:
„Ich würde sehr gerne ihre Einschätzung zu einem Thema erfragen, das uns Eltern schon eine Weile umtreibt, aber wir haben ein bisschen Sorge, dass das vielleicht lächerlich wirken könnte. Wir wurden damit auch in der Vergangenheit bisher nicht so ernstgenommen…“
Diese Einleitung bringt Lehrkräfte eher in eine offenere Haltung. Denn die meisten von uns wollen sehr gerne einen positiven Eindruck machen und dann entsteht oft die Dynamik: „Ach was, bei mir müssen sie keine Angst haben, bitte erzählen sie doch mal…“
Ihr könnt signalisieren, dass ihr natürlich jetzt noch kein abschließendes Urteil der Lehrkraft erwartet, aber es sehr zu schätzen wüsstet, wenn sie da mal hinschauen und vielleicht in einer vereinbarten Zeitspanne ihre Beobachtungen mitteilen würde.
Was ist, wenn die Lehrkräfte dann aber doch negativ reagieren?
Hier sollte versucht werden, die Tür so offen wie möglich zu halten.
„Wir können uns vorstellen, dass es vermutlich eine ganz schöne Aufgabe ist, hier allen Kindern gerecht zu werden. Wir können nur sagen, uns als Eltern hat es sehr geholfen, sich auf die ADHS-Diagnose des Kindes einzustellen und wenn sie unsere Unterstützung brauchen, würden wir uns freuen, wenn wir da zusammenarbeiten.“
Auch das Anbieten eines Buches, dass für einen selbst hilfreich war, kann ein neutrales Informationsangebot sein. In dieser Podcastfolge habe ich über den Aspekte einer noch nicht so aufgeschlossenen Lehrkraft ausführlicher gesprochen. Hört da gerne rein.
Um diese Formulierungen nochmal besser auf euch anzupassen, nutzt gerne ChatGPT oder ein ähnliches Angebot. Ich habe mir dort auch schon ab und an eine kleine Formulierungshilfe erstellen lassen.
Ich wünsche euch einen guten und offenen Austausch!

